Auch hier empfehle ich wieder zuerst die vorherigen Teile, auf denen dieser Artikel aufbaut, zu lesen. Hier die direkten Verweise: “Au revoir? I”, “Au revoir? II“ und natürlich „Au revoir? III“.
Es ist Abend geworden und das Hotelzimmer beginnt ihn zu quälen. Sein spärlich gefüllter Koffer empfiehlt ihm ein passendes Hemd, mit dem er sich in die Lobby begibt, um sich nach einer ansprechenden Lokalität zu erkundigen. Die Rezeptionistin wirkt als hätte sie die Dosierung des Koffeins in ihrem Kaffee nicht verkraftet und deutet auf dem zuvor herausgekramten Stadtplan ununterbrochen auf verschiedene Straßen während sie abstruse Namen nennt. Sie beendet ihre Präsentation des Berliner Nachtlebens mit den Worten „ … und wenn Sie dann noch nicht genug haben können Sie dieses Erlebnis im Chili Club zu einem würdigen Abschluss bringen.“ Dabei kichert sie gekünstelt und zwinkert ihm zu. Dies waren auch die einzigen Worte, die er aufmerksam vernahm. Bei ihren vorherigen Aussagen war er von ihrer einzigartigen Stimme abgelenkt, die ihn an den Feueralarm seiner ehemaligen Arbeitsstelle erinnerte. „Aha“, sagt er und blickt mehrmals zwischen Stadtplan und Rezeptionistin hin und her. „Sie können diesen Plan natürlich gerne mitnehmen, damit Sie sich nicht verlaufen“, fügt sie noch hinzu. Er nimmt den Plan, faltet ihn und bedankt sich für die Informationen. Dann dreht er sich um, schreitet auf den Ausgang zu und verschwindet durch die sich öffnende Schiebetür.

Die im Plan eingezeichneten Lokalitäten scheinen hauptsächlich luxuriös zu sein, aber ihm ist mehr nach etwas bodenständigem. Deshalb beschließt er sich einfach von seinem Instinkt leiten zu lassen und eine typische Kneipe mit dem Berliner Otto Normalverbraucher aufzusuchen. Nach kurzer Zeit erreicht er eine vielversprechende Lokalität mit dem Namen „Onkel Willy’s Pub“. Spontan entschlossen öffnet er die Tür und schreitet hinein; hinein in den Nebel der Menschheit. Eine wohltuende Wärme umarmt ihn. Oder sind es doch nur die schwitzenden Otto Normalverbraucher, die am Tisch direkt neben dem Eingang eine Pokerrunde veranstalten? „Keine Voreingenommenheit“, denkt er sich und setzt sich an die Bar. Zu seiner Rechten: ein Mann Mitte 40 mit zerzausten Haaren und einem Rollkragenpullover. Zu seiner Linken: zwei junge Damen, die sich angeregt über den muskulösen Billardspieler auf der anderen Seite der Bar unterhalten.
Es dauert etwas, aber dann hat der Barkeeper ihn endlich wahrgenommen und fragt: „Wat darf’s sein?“ „Haben Sie einen halbtrockenen Riesling?“, fragt er über die stinkende Theke hinweg. „En wat? Ne, ham wa nüscht“, erwidert der Mann hinter der Bar kopfschüttelnd. „Dann vielleicht einen trockenen Chardonnay?“, versucht er es erneut. Die einzige Antwort, die er erhält, ist ein weiteres Kopfschütteln. „Was können Sie mir denn empfehlen?“, fragt er und hofft so auf mehr Erfolg. „Bier?“, lautet die Antwort als sei dies schon die ganze Zeit klar gewesen. „Gut, dann nehme ich so ein Bier.“ sagt er und betont dabei das Wort „Bier“ als hätte er es gerade zum ersten Mal gehört. Da dreht sich sein Sitznachbar zu ihm um: „Eine g… g… gute Wahl“, begrüßt er ihn mit wehender Fahne. „Danke“, versucht er freundlich darauf zu antworten, was jedoch eher skeptisch klingt. „Ich bin übrigens E… E… ich bin E…“, stottert er und unternimmt scheiternd den Versuch sich vorzustellen, wird allerdings schon unterbrochen: „Ah ja, ich werde Sie einfach Asti nennen wenn es recht ist?“, schlägt er seinem Nachbarn vor, der einfach nur nickt.
In diesem Moment taucht das bestellte Bier vor ihm auf. „Ein gelbstichiges pastellorange und dazu eine hervorragend luftige Krone“, macht er sich das Bier selbst schmackhaft und scheitert dennoch dabei. „Berlin, du bist so wunderbar“, denkt er sich und ordert zur Sicherheit noch einen Cognac, den es in dieser Bar tatsächlich zu geben scheint, denn der Barkeeper nickt und nimmt die Bestellung auf. Wieder dreht sich sein Sitznachbar zu ihm und sagt: „Eine g… g… g…“ „Ich verstehe schon“, antwortet er und lässt seinen Kopf auf die Theke sinken. Wer weiß was dieser Abend noch zu bieten hat?
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